die todesnacht in stammheim

Am Morgen des 18. Oktober 1977 um 8.53 Uhr meldete die dpa: „baader und ensslin haben selbstmord begangen.“ Die Todesumstände schienen, noch bevor die Ermittlungen aufgenommen wurden, festzustehen. Doch wie konnten Anwälte Waffen und Sprengstoff in das „sicherste Gefängnis der Welt“ schmuggeln? Wie hätten die Gefangenen ein funktionierendes

Kommunikationssystem aufbauen können? Waren die Waffen- und Sprengstoffverstecke so möglich wie dargestellt? Warum wurde der exakte Todeszeitpunkt nicht festgestellt? Wieso sind die Ermittlungsakten unvollständig? Und letztendlich: Warum werden diese Fragen nicht endgültig geklärt?


Nach jahrelanger Recherche aller zugänglicher Materialien und Auswertung neuer, da erstmals freigegebener Dokumente, sowie mit Hilfe praktischer Versuchsaufbauten veröffentlichte Helge Lehmann 2012 seine Untersuchung Die Todesnacht in Stammheim. Olivier Garofalo entwickelte aus dieser Vorlage ein Theaterstück und stellt unbequeme Fragen: Warum sind auch Jahrzehnte nach den Ereignissen wesentliche amtliche Aktenbestände zu diesem Komplex „aus Gründen der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“ weiterhin Staatsgeheimnisse? Und wie wirken sich die damaligen Strukturen auch gegenwärtig noch aus?

 

Uraufführung am 27. September 2012, Badische Landesbühne Bruchsal

Regie/Bühnenbild: Olivier Garofalo

Kostüme: Kerstin Oelker

Toncollage: Helge Lehmann

 

Immer aber geht es um die Nacht vor 35 Jahren im Hochsicherheitstrakt Stammheim am 18. Oktober 1977, an deren Ende Baader und Ensslin tot sind. Raspe stirbt wenig später. Möller überlebt als einzige, Schnell wird die Mitteilung herausgegeben, dass Baader und Ensslin Selbstmord begangen hätten. Doch was ist tatsächlich passiert? Bildung für alle? Freiheit von Menschen, die selbst nicht frei sind? Überwachung per Chips auf em Personalausweis, Flugdatenspeicherung - es wird ein düsteres Bild der Gesellschaft entworfen, die auch nach 35 Jahren nach der Todesnacht, die den Schlusspunkt des "Deustschen Herbstes" setzt und den Tod des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer zur Folge hat. Nicht weiß oder nicht preisgeben will, was tatsächlich passiert ist. Es gehe darum, wie der Mensch heute Position in der Gesellschaft beziehe, wo er wegschaut, wo er hinschaut.

Badische Neueste Nachrichten Bretten/Susanne Roth

 

Die Inszenierung von Olivier Garofalo holt aus dem minimalen Bühnenbild und dem oft protokollarisch anmutenden Text ein Maximum an Wirkung heraus. Dabei ist es gerade der Wechsel zwischen dem geschäftsmäßigem Aufzählen der Widersprüche und dem Eintauchen in äußerste Emotionalität, die das Stück für die Schauspieler zu einer Tour de force werden lässt. Herausragend war hierbei Sandra Pohl, die sich rücksichtslos auf ihre fordernde Rolle einließ. Die Inszenierung hatte nichts versöhnliches und bezog zu Stammheim eindeutig Stellung. Sehenswert.

Badische Neueste Nachrichten/Jens Wehn

 

 http://www.welt.de/newsticker/news3/article109429508/Die-Todesnacht-in-Stammheim-stellt-unbequeme-Fragen.html